

Artikel Kieler Nachrichten 08.02.2011
Vom melancholischen Schubert bis zu „Stairway to Heaven“
48. Regionalwettbewerb von „Jugend musiziert“: Der musikalische Nachwuchs gab alles
Kiel. An ihren Heften sollt ihr sie erkennen! Beim Kieler Regionalwettbewerb „Jugend musiziert“ waren die früher ärmlich und gelb. Das war bestenfalls Mindestaufwand. Seit 2010 herrscht Solidität – was nicht nur die stattlichen Programmhefte zeigen. Die drei Spielorte (Barlach-Gymnasium, Musikschule Kiel, die Pumpe) haben nettes Betreuungspersonal, das sich von nicht auftauchenden Teilnehmern oder einem halbstündigen Stromausfall im Ernst-Barlach-Gymnasium nicht aus der Ruhe bringen lässt und alles Unvorhergesehene mit einem freundlichen Lächeln meistert.
von Michael Struck und Anna Struck
Kaffee, Saft und Kuchen werden angeboten – für aufgeregte Spieler und noch aufgeregtere Eltern. Klar, die Organisation ließe sich weiter verbessern: Einige Juryvorsitzende begrüßen die Teilnehmer pädagogisch professionell. Andere sind da eher fahrig – und vergessendann schon mal die Programmansage vor und das „Dankeschön“ nach dem Spiel.
Da selbst zwei Berichterstatter nicht an allen Spielorten zugleich sein können, müssen Impressionen von einem bunten, aufregenden Wochenende genügen: Die Zahl der Klavierspielenden ist atemberaubend. Bei den Jüngsten beherrscht Johannes Beckmann (7) sogar das experimentelle Ball auf der Tastatur. Kevin, Claudia und German, ebenfalls zu den Jüngsten zählend, spielen unbefangen, auch wenn’s gelegentlich mal hakt. Beeindruckend:Nicht nur die, denen man später eine Musikerlaufbahn zutraut, sondern auch die, die womöglich eher 2. oder 3. Preise erwarten, musizieren mit Leidenschaft.
Manchmal möchte man Lehrerinnen und Lehrer fragen, wie ihre Zöglinge zu Riesen-Ritardandi oder abenteuerlichen Rhythmen kommen. Andererseits spielen Sharon Seok, Jana Cheng und andere bei den Acht- bis Zehnjährigen rhythmisch sicher. Bei den zwölf bis 14-Jährigen sind schon musikalische Persönlichkeiten zu erkennen, die wissen, was sie wollen und keine Angst vor der Moderne haben. Da zieht man den Hut vor Linnéa Benson (Abegg-Variationen), dem vielseitig-profihaften Elias Kollath, der Ernsthaftigkeit Alexander Pluskas (der bei Brahms noch reifen wird), der agilen Julia Rappenecker oder den Klavierfingern von Lukas Meyerolbersleben, der hauptamtlich Hornist ist.
Bei den Sängern überzeugt Bariton Jan-Felix Schroeder (18) mit eindringlich-melancholischer Schubert-Interpretation und inbrünstig-mozart‘schemOpernschwung.
Bei den Bläserensembles ist die Bandbreite zwischen jungen, zum Teil noch nach Rhythmus und Stimmung suchenden und den virtuoscoolen älteren Blockflötengruppen groß, während einige Querflötenensembles schon auf großen Ton und wirkungsvolle Auftritts-Choreografie geschult sind.
Besonders laut geht es an diesem Wettbewerbswochenende in der Pumpe zu, die 2011 zum ersten Mal als Spielstätte für die Pop-Wertungen dient. Bei den Solo-Drummern wird hier, teils ganz solistisch, teils mit Untermalung vom Band, und manchmal, wie im Fall von Sören (14) und Bente Brandt (15) auch mit pianistischer Unterstützung der großen Schwester, geschlagen was das Zeug hält und hochklassiges rhythmisches Feingefühl bewiesen. Und wenn Can Firat zur eigenen Improvisation ansetzt, dann wirbeln die Drums schneller als man gucken kann – und man wundert sich, dass das Drum-Set bei diesem irrsinnigen Tempo nicht irgendwann vom Boden abhebt.
Noch mehr beeindruckende Pop-Momente gibt es bei den E-Gitarristen, wo Mirco Schmittendorf mit Led Zeppelins Stairway to Heaven für Gänsehaut sorgt und man den Eindruck hat, er und Tim Lehmann könnten eigentlich sofort als E-Gitarristen bei Billy Talent oder ACDC anfangen.
Die Eindrücke von den diesjährigen Teilnehmern sind also wirklich breit gefächert und vielseitig. Eins verbindet sie alle: Die hör- und spürbare Freude an der Musik und am Musizieren – sowohl bei denjenigen, deren diesjährige „Jugend musiziert“-Reise beim Kieler Regionalwettbewerb endet als auch bei den glücklichen Gewinner, die ihr Talent vom 18. bis 20. März beim Landeswettbewerb in Lübeck wiederunter Beweis stellen dürfen.
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